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Begegnungen mit dem Zeitzeugen George Shefi im Juni 2017

Begegnungen mit dem Zeitzeugen George Shefi im Juni 2017

„Fragt uns, bevor es zu spät ist…“

Wieder konnten viele Schülerinnen und Schüler die Lebensgeschichte von Familie Shefi hören – spannende und bewegende Tage liegen hinter uns.

Die Lebensgeschichte von George Shefi ist eindrucksvoll: Er wurde am 29.11.1931 geboren und verbrachte seine frühe Kindheit in Berlin. Im Jahre 1939 wurde er von seiner Familie mit einem der Kindertransporte nach England geschickt. Diese Rettungsaktionen wurden von der Anglikanischen Kirche unterstützt und von den jüdischen Gemeinden in Deutschland finanziell gesichert. Auf dem Bahnhof Berlin-Friedrichstraße sah er seine Mutter aus dem Zug heraus zum letzten Mal, wie sie vergeblich auf den Gleisen nach ihm Ausschau hielt um ihm noch einmal zuzuwinken, ihre Blicke trafen sich jedoch nicht mehr. So kam er via Niederlande und per Schiff nach England, wo er sich als siebenjähriger Junge zurechtfinden musste. Insgesamt konnten durch die Kindertransporte bis zu 10.000 jüdische Kinder gerettet werden.
Während George überlebte, ereignete sich in seiner Familie die Katastrophe.
Seine Mutter Marie Spiegelglas und die elf Jahre ältere Tante Margit Benedik blieben in Berlin zurück. Sie verloren ihre Wohnung und mussten ab 1942 Zwangsarbeit leisten. Der Großvater starb an Entkräftigung. Am 29. Januar 1943 wurden die beiden Frauen nach Ausschwitz deportiert und noch am Tag ihrer Ankunft ermordet.
Der Kindertransport mit George erreichte England am 26. Juli 1939. George wurde in einem Dorf von einem anglikanischen Pfarrer aufgenommen und konnte wieder eine Schule besuchen, erlebte aber auch von dort aus die Schrecken des Krieges, unter anderem bei einer Bombardierung Londons im Jahr 1940. Mit 14 Jahren verließ er England und gelangte mit einem englischen Truppenschiff nach Kanada und gelangte von dort zu seinem Onkel nach New Jersey. 1949 emigrierte George mit seinem Onkel nach Israel, wo er heute mit seiner Familie bei Jerusalem lebt. Er legte den deutschen Geburtsnamen Spiegelglas ab und nahm den davon abgeleiteten Namen Shefi an.
George Shefis Vater war schon 1934 nach Palästina ausgewandert und lebte später in Australien. Die Familie von George ist nicht religiös, aber für ihn ist es schicksalhafte Fügung , als er seinen Vater nach 35 Jahren wiederfand. So erfuhr George von seiner Halbschwester in Australien, die auch hier in Berlin bei der Stolpersteinverlegung am 30. Juni dabei sein konnte.

Eindrucksvoll schilderte George dieses, sein, Schicksal vor vielen jungen Menschen bei Begegnungen vom 21.-28.06.17. Er teilte traurige, bewegende und auch fröhliche Augenblicke aus seinem Leben mit den Zuhörern. Gebannt folgten die Jungen und Mädchen seinen Erinnerungen, manchmal tief berührt, manchmal mit einem schmunzeln und manch einer traute sich, George persönlich zu seiner Lebensgeschichte zu befragen. Durch Herrn Shefis offene Art gelang ein reger Austausch zwischen SchülerInnen, Lehrern und Georges Familie über sein Schicksal und die Geschichte und über die Verantwortung.

„Ihr seid nicht schuldig an dem, was damals geschah, aber ihr seid verantwortlich, dass es nie wieder geschieht.“ Diesen Satz gibt George Shefi den jungen Erwachsenen mit auf den Weg.
Anbei ein Bericht des Schülers Timon Furchert, Schüler der 10.Klasse des Cantor Gymnasiums und Schülersprecher, der die Begegnung folgendermaßen beschreibt:

Zeitzeugen – die letzten ihrer Art
Die vorderen Reihen der Aula sind gut gefüllt. Getreu dem Motto „Die, die hier sind, sind genau die Richtigen“ sind alle vorgesehen Plätze besetzt. Die Leute, die da sind, haben sich dazu entschlossen, ihre Aufmerksamkeit einem Zeitzeugen des Holocaust zu widmen.
Zugegeben, das Schreiben, welches uns erreichte und die Anfrage, ob wir nicht der Veranstaltung beiwohnen wollen, nahmen wir im Vorfeld mit relativ wenig Freude zur Kenntnis. Zu gewaltig scheint das Thema, zu oft schon gehört und darüber gesprochen, zu häufig wurden die grausamen Geschichten vor uns aufgerollt, zu selten gab es offene Debatten zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Und nun nochmal all die Erinnerungen aufwühlen und sich noch einmal anhören, welche Verantwortung wir haben? Sind wir uns dieser nicht sowieso schon bewusst?
George Shefi erzählt eine bewegende Geschichte. Eine Geschichte, die an Emotionalität kaum zu überbieten ist und die einen auf eine grausame, aber spannende Zeitreise mitnimmt. Seine Geschichte. Obwohl er, für uns kaum vorstellbar, Dinge erlebt hat, die uns heute schon beim Zuhören die Tränen in die Augen treiben, hat er den Mut, uns seine Geschichte zu erzählen. Er hat den Mut, etwas bewegen zu wollen. Und er bewegt. Trotz der schweren Kindheit, welche Betroffenheit auslöst, erzählt er auch immer wieder Anekdoten aus seinem Leben, welche zum Schmunzeln und zum Lachen anregen.
Kein Buch, kein Film und kein Lehrer kann so berührend erzählen, welches Schicksal die Menschen der letzten 70 Jahre hatten. Keiner kann erzählen, welchen Wert Familie und Freiheit haben. George Shefi kann es. Am Ende seiner Erzählung brandet Applaus in der Aula auf. Ein paar Fragen werden noch gestellt, dann verlassen wir nachdenklich die Aula.
Obwohl wir mit dem Thema vertraut waren, obwohl wir ungefähr wussten, was uns erwartet, haben wir doch einiges mitnehmen können. Menschliches Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, hat ungeheuer hohen Stellenwert und niemand hat das Recht, das Leben eines anderen zu zerstören. Es ist wichtig, sich neben Zahlen und Fakten vor allem die persönlichen Geschichten der Betroffenen zu erfahren und sie zu verstehen. Denn nur so können wir verhindern, dass so etwas wieder geschieht.

Eine Lehrerin beschreibt die Begegnung so:

… „Die Gespräche mit meinen Kollegen und unseren Schülern nach
Ihrem Besuch gaben alle Ähnliches wieder: Alle waren tief beeindruckt
vom Schicksal George Shefis, aber auch angetan von seinem Optimismus,
seiner Vitalität und vor allem seinem Humor. Eine Begegnung mit
Menschen, die ein solches Schicksal erfahren mussten, kann ja auch zu
großer Unsicherheit bei denen führen, die sich dieser Lebensgeschichte
in irgend einer Weise stellen sollen. Herr Shefi und seine Familie
nehmen den Anwesenden diese Furcht. Und wie es Timon schreibt, bleiben
bewegende Bilder und einmal mehr das Bewusstwerden unserer Aufgabe,
dafür zu sorgen, dass wir Menschen andere Menschen achten und wertschätzen.
Ich möchte mich im Namen derer, die dieser Veranstaltung beiwohnen
konnten, noch einmal herzlich bei Ihnen bedanken. Durch Ihre Kontakte
tragen Sie dazu bei, Geschichte persönlicher und etwas schmerzhafter zu
machen. Doch nur diese Gefühle, die dadurch geweckt werden, helfen uns
wahrscheinlich, noch ehrlicher Anteil nehmen zu können.“…

Es folgt ein Überblick über die Anzahl der erreichten SchülerInnen und der Veranstaltungsorte:

Am 20.06.17 fand ein Gespräch mit 36 SchülerInnen des Georg-Cantor-Gymnasiums in Halle statt, am 21.06.17 mit ca. 70 Jugendlichen in Schulpforta. Am 22.06.17 waren wir mit Herrn Shefi in Oranienburg im Luise-Henrietten-Gymnasium im Gespräch mit ca. 70 SchülerInnen. Am 23.06. fand das Gespräch mit 25 Interessierten im LISUM statt. Am 26.06. waren wir in Brandenburg beim Gespräch mit 32 Schülern im von Saldern-Gymnasium, am 27.06. mit ca. 45 Jugendlichen im Lise Meitner-Gymnasium in Falkensee, und am 27.06. in der Kurt-Löwenstein Bildungsstätte in Werftpfuhl, wo 53 junge Erwachsene die Lebensgeschichte hören konnten.

Der 29. und 30. Juni waren überaus wichtige und intensive Tage der Begegnung:
Am 29. Juni hat Herr Shefi zum ersten Mal nach fast 80 Jahren seine einstige Schule besucht und sprach mit 33 jungen SchülerInnen der Gemeindeschule in Schöneberg, die heutige Löcknitz-Schule. Von den anwesenden Kindern waren zwei selber jüdischen Glaubens und konnten mit George Shefi hebräisch sprechen. Ein sehr besonderer Augenblick war als ein Mädchen sich meldete, und sich herausstellte, dass sie im gleichen Haus lebt, in dem George seine Kindheit bis zu seinem Kindertransport nach England verbrachte. Ein sehr schicksalhafter und interessanter Tag für Familie Shefi und für die Klasse der Löcknitz-Grundschule.

Am 30.06.17 fand die Doppel-Stolpersteinverlegung statt für Marie Spiegelglas und Margit Benedik, die Mutter und Tante von Herrn George Shefi, welche 1943 in Auschwitz ermordet wurden.
Von weit her kamen Menschen, um dabei zu sein. Die ganze Familie Shefi mit
Kindern und Enkeln ist angereist, sogar aus Australien kam die Schwester von George Shefi. Die Klasse der Löcknitz Schule war auch wieder dabei und brachte Blumen für Familie Shefi. Ebenso blieben Passanten stehen und nahmen Anteil.
Der Ort der Stolpersteinverlegung war die Hauptstrasse 5 in Schöneberg, das Wohnhaus, in dem George seine frühe Kindheit verbrachte.

Es gab ein Rahmenprogramm mit einer Andacht, begrüsst wurden alle vom Initiator des Festaktes, Horst Brauner. Der Kantor Assaf Levitin sang das Lied „Lekhol Isch jesch Schem“- jeder Mensch hat einen Namen, gefolgt von einem Augenblick der Stille und der Verlegung der beiden Stolpersteine. Pastor Dr. Matthias Walter las aus Psalm 5. Die Enkelkinder von George und Yael Shefi haben musiziert und alle haben gemeinsam gesungen, für das Erinnern und für die Familie.

Die Gespräche, die wir dieses Jahr wieder mit Familie Shefi ermöglichen konnten, waren sehr bewegend und intensiv für alle, wir sind dankbar, dass wieder so viele junge Menschen erreicht werden konnten und möchten Ihn nächstes Jahr wieder in Deutschland empfangen.

Einen herzlichen Dank an die Flick-Stiftung, das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg, die Bob-Stiftung, die EVZ-Stiftung und das Land Sachsen-Anhalt für die finanzielle Förderung der Begegnungen.

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